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27. Mai 2017
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Die Zukunft unserer Dörfer Druckansicht

20.01.2009

Bayernbund-Initiative

DIE ZUKUNFT UNSERER DÖRFER

Mit dem demographischen Wandel und der zunehmenden Globalisierung stellt sich immer mehr die Frage nach der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung des ländlichen Raumes.

Diese Frage stellt sich nicht überall und in allen Bereichen mit gleicher Dringlichkeit. Der demographische Wandel nimmt in unserem Land einen unterschiedlichen Verlauf. Für die Zukunft unserer Dörfer sind aber immer die Bevölkerungsentwicklung, das wirtschaftliche Umfeld, die vorhandene Infrastruktur und die Dichte des Gemeinschaftslebens von Bedeutung.

Warum betrachten wir nun die Zukunft des ländlichen Raumes vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Entwicklungen mit Sorge?

Grund- und Teilhauptschulen werden aufgelöst, Pfarreien zusammenge¬legt, das Dorfwirtshaus verschwindet, bäuerliche Familien geben auf und mit dem Verlust von Handwerksbetrieben und dem dorfnahen Einzelhandel gehen Arbeitsplätze verloren.

Das sind die hauptsächlichen Klagen, die man in letzter Zeit allenthalben hört. Sind sie angemessen? Ist der ländliche Raum, sind unsere Dörfer als voll funktionsfähiger Lebens- und Sozialraum wirklich in Gefahr. Können Sie ihre ebenso belebende wie stabili¬sierende Rolle in unserer Gesellschaft künftig noch aktiv wahrneh¬men?

Sind unsere Dörfer in Zukunft noch ein an überlieferten Werten orientierter Raum, in dem Tradition und Brauchtum, gelebte Kultur, Nachbarschaftshilfe und Gemeinsinn ihren Platz haben? Ein Ort, in dem die Menschen nicht nur eine Adresse, sondern eine Heimat haben?

Das alles ist in sog. ‚Schlaf-Satelliten’ von Städten nicht in vollem Umfang zu haben. Dazu braucht es lebendige Dörfer,

• in denen Nähe, Tradition und Heimat wieder feste Wertbegriffe sind und bleiben,

• Dörfer, die mit ihren Bürgern Kultur, Tradition und Brauch¬tum aktiv leben und

• Dörfer, in denen Pfarreien nicht nur Kristallisationspunkte des kirchlichen Lebens, sondern auch des geistigen und kulturellen Lebens einer Gemeinde sind,

• in denen Schulen nicht nur Bildung vermitteln, sondern auch als Kulturträger einer dörflichen Gemeinschaft wirken,

• Dörfer, die attraktive und zukunftsfähige Standorte für den gewerblichen Mittelstand und für Dienstleistungen sind,

• in denen lebensfähige bäuerliche Betriebe auch im Zu- und Nebenerwerb gesunde Ernährung sicherstellen und die Kulturlandschaft für Erholung suchende Bürger pflegen;

• in denen auch neue Erwerbsfelder in der Landwirtschaft, im Gewerbe und auf dem Dienstleistungssektor erschlossen werden;

• Dörfer, die auch Zukunftsperspektiven für junge Men¬schen bieten – von Betreuungseinrichtungen für Kinder über Schulen bis zu Räume für die Jugendarbeit und auch bezahlbarem Wohnraum für junge Familien.

• Dörfer, die eine aktive Bürgergesellschaft mit umfangreichem, ehrenamtlichen Engagement entwickeln;

• in denen das Engagement der Ehrenamtlichen von der Politik finanzielle Hilfe zur Selbsthilfe und Anerkennung erhält.

• in denen noch eine relativ hohe Übereinstimmung über die Werte und Regeln für das Zusammenleben herrscht.


Das alles ist machbar, wenn wir – Politik und Gesellschaft – nur wollen. Probleme gab es zu aller Zeit. Die Frage ist nur, wie sie angegangen und bewältigt werden.

Erst vor rund 30 Jahren beklagten wir eine Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte. In einigen Gebieten Bayerns war die Bevölkerungsdichte des ländlichen Raumes auf unter 25 Einwohner je qkm gesunken und damit die Existenz kommunaler Einrichtungen infrage gestellt. Ein gezielter Aus¬bau der Infrastruktur und die bewusste Förderung gleichwertiger Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land haben diesen Trend gewendet.

Diese Entwicklung darf nicht gefährdet werden. Etwa durch besondere Förderung von Metropolregionen (München und Nürnberg) durch die EU. Größere Einheiten lösen keine Probleme, sie schaffen nur neue. Deshalb sind Vorschläge wie: Ballungszentren stärken, statt Geld mit der Gieskanne über’s Land verteilen (Präs. Rosenstock) absurd. Ebenso die Initiative der Grünen gegen Pendler. Statt dessen brauchen wir eine differenzierte Weiterentwicklung der bayerischen Regionalpolitik für den ländlichen Raum.

Heute fordern uns nämlich zudem eine sich verändernde Demographie und die Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft heraus.

Lassen Sie uns jetzt gemeinsam darüber nachdenken, wie wir die damit verbundenen Fragen so beantworten können, dass unsere Dörfer auch in Zukunft stabile Eckpfeiler


• einer bürgerlichen Gesellschaft;

• einer intakten Wirtschaftsordnung;

• des Erhaltes unserer natürlichen Lebensgrundlagen und

• eines breit angelegten kulturellen Angebotes in einem christlich-abendländisch geprägtem Land bleiben.

Was ist zu tun?
Die Globalisierung macht vor unseren Dörfern nicht halt. Es gibt kaum noch regionale Märkte – der internationale Wettbewerb beeinflusst unser Leben zunehmend.

Sind wir dieser Entwicklung wehrlos ausgeliefert?
Der Dorfladen ist verschwunden, weil den Dorfbewohnern das Einkaufen im Supermarkt mit einer breiten, internationalen Angebotspalette und mit teilweise irrwitzigen Sonderangeboten attraktiver erschien.

Und, weil solche Märkte heute mindestens 1000 bis 1200 qm² Verkaufsfläche brauchen, haben sie in unseren Dörfern keinen Platz. Diese Märkte haben meist auch keinen Platz für regionale Produkte, weil das nicht zum bundesweit standardisierten Angebot passt. Deshalb hat auch auf dem Land ein globalisiertes Angebot Einzug gehalten.

Das gefällt zunehmend aber vielen Verbrauchern nicht mehr, weshalb sich hier etwas zum Positiven hin verändern lässt, wenn wir es nur wollen. Bauernmärkte und Dorfläden mit Qualitätsprogrammen und regionalem Herkunftsbezug haben Konjunktur. Sie gilt es zu fördern.

Auch Vermarktungsformen: Aus der Region, für die Region haben Zukunft. Wir müssen sie nur wollen. Kaufkraft ist Gestaltungskraft, das müssen wir wissen!

Unsere heimische Land- und Forstwirtschaft steht vor einem gundlegenden Bewusstseinswandel in Gesellschaft und Politik. Erzeugnisse als hochwertige Nahrungsmittel, erneuerbare Energieträger und nachwachsende Rohstoffe werden stärker nachgefragt. Auch die vielfältigen Gemeinwohlleistungen gewinnen an Bedeutung. Mit dem Erhalt der Landwirtschaft geht es aber nicht nur um die Sicherung selbständiger Existenzen, es geht auch um eine gesunde Struktur und um die Kultur unseres Landes. Der Strukturwandel braucht deshalb dringend politische Begleitung.

Ziel muss sein: Die Sicherung einer multifunktionalen, flächendeckenden Landbewirtschaftung. Denn sie steht in enger Wechselbeziehung zu den Funktionen des ländlichen Raumes als
 Wohnstandort und Lebensraum
 Lieferant gesunder Lebensmittel und nachwachsender Rohstoffe
 Wirtschaftsstandort
 Ort sozialer Begegnung, als Kulturraum und
 Erholungsraum auch für die städtische Bevölkerung.

Ein nächster Punkt betrifft das Gewerbe auf dem Dorf:
Für Bauvorhaben von Gemeinden und öffentlichen Einrichtungen werden heute unbeschränkte Ausschreibungen verlangt – für mittelgroße Vorhaben sogar europaweite. Das billigste Angebot muss genommen werden – auch wenn der Anbieter oft Hunderte von Kilometern entfernt ist. Ist das mit einer Förderung des ländlichen Raumes vereinbar?

Wäre es da nicht vernünftiger für Hochbau- und Ausbau Aufträge – sagen wir bis zu 300.000,00 € - begrenzte Ausschreibungen zuzulassen, damit das Geschäft im ländlichen Raum, das heißt auch in unseren Dörfern bleibt. Und damit auch Gewerbebetriebe und mit ihnen Arbeits- und Ausbildungsplätze, die wir in Wohnortnähe haben wollen. Da muss sich etwas ändern! Politik und Verbände sind gefordert!

Die Informations- und Kommunikationstechnologie ermöglicht es heute, dass man nahezu von jedem Punkt aus mit der ganzen Welt vernetzt ist. Dienstleistungsberufe sind damit nicht mehr auf Standorte in Ballungszentren angewiesen. Sie suchen für ihre Arbeit sogar oft bevorzugt das ruhige Umfeld der Dörfer. Aber sind sie dort auch erwünscht? Und ist die dafür notwendige Infrastruktur (DSL) vorhanden?

Da müssen Voraussetzungen für neue Berufe und neue qualifizierte Arbeitsplätze gerade für die junge Generation geschaffen werden. Dann bleibt auch die gut ausgebildete Jungend im Dorf. Hier tut sich etwas! Aber Gemeinden müssen die Förderungsmöglichkeiten auch nutzen.

Es gäbe noch eine Reihe von Beispielen, wie die wirtschaftliche Prosperität der Dörfer gesichert werden kann, etwa im Bereich des Tourismus z. B. Urlaub auf dem Bauernhof, der Naherholung usw.. Hier sind vielfach noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Wichtig scheint mir noch der Hinweis, dass das vorhandene Gewerbe ausreichend Entwicklungsmöglichkeit haben muss. Dabei ist auch die Nutzungsänderung z.B. von aufgelassenen landwirtschaftlichen Gebäuden zu berücksichtigen. Hier muss eine sinnvolle wirtschaftliche Weiternutzung ermöglicht werden.
Da wird oftmals zu kleinlich verfahren.

Die Zukunft unserer Dörfer hängt auch von einer intakten Infrastruktur ab. Hochleistungsnetze für I + K habe ich schon angesprochen. Dazu gehören aber auch ein gut ausgebautes Straßennetz mit einer leilstungsfähigen Anbindung an überregionale Verkehrswege und ein funktionsfähiger ÖPNV. Er soll allen nicht motorisierten ganz Jungen und Alten auch auf dem Land ein Mindestmaß an Mobilität sichern.
Dann werden Sie auch in den Dörfern bleiben.

Das Dorferneuerungsprogramm muss fortgesetzt werden. Insbesondere dort, wo Orte durch eine Ortsumgehung neue Lebensqualität bekommen haben, sollen zeitnah Mittel für eine bürgerfreundliche Umgestaltung der Dörfer zur Verfügung stehen.

Nun zu einem weiteren wichtigen Thema: den wohnortnahen Bildungseinrichtungen.
Die Grundschule sollte nach dem Motto: Kurze Beine – kurze Wege – im Dorf bleiben. Der Rückgang der Geburten hat in den vergangenen Jahren in manchen Dörfern die Klassenbildung jedoch immer mehr erschwert. Das Problem lässt sich nur lösen, wenn wir schnell zu jahrgangsübergreifenden Klassen kommen. Die Schulversuche haben gezeigt, dass dieses Modell richtig eingesetzt, pädagogisch außerordentlich wertvoll ist. Es ist also ein guter Weg, die Grundschule im Dorf zu lassen.
Setzen wir das durch, wo es sinnvoll und notwendig ist.

Schwieriger ist es mit der Hauptschule – sie soll künftig so organisiert sein, dass die Schüler in Neigungsgruppen gegliedert werden können, um sie so besser auf das Leben vorzubereiten. So z. B. in den Bereichen:

• „Technik und Handwerk“
• „Wirtschaft, Handel, Dienstleistungen“
• „Gesundheit, Soziales, Hauswirtschaft“
Jeweils mit M-Zügen.

Aber auch das macht nicht große, neue zentrale Schulgebäude erforderlich. Bei geeigneter Schulorganisation – in Schulverbänden über Gemeindegrenzen hinweg organisiert – können die so gegliederten Klassen auch auf die Schulgebäude in den einzelnen Dörfern aufgeteilt werden. So können die vorhandenen Schulgebäude auch künftig genutzt werden. Gut, die Schüler müssen längere
Wege zurücklegen, das ist aber im Sinne einer besseren Ausbildung notwendig. Die Hauptschule ist eben auch eine weiterführende Schule wie die Realschule und das Gymnasium.
Warten wir nicht, bis von oben etwas verordnet wird. Entwickeln wir in den Gemeinden – auch gemeindeübergreifend - selbst Vorschläge, wie eine solche Schulorganisation künftig aussehen kann.
Wichtig ist die Schule im Dorf, denn Schule schafft emotionale Bindungen, die für die Zukunft des Landes wichtig sind.

Ein Bereich der uns Sorgen macht ist die Zusammenlegung von Pfarreien zu immer größeren Pfarrverbänden. Wir kennen den Grund: den Mangel an Geistlichen!

Es fehlt aber etwas grundlegendes, wenn es in den Dörfern keine kirchlichen Gemeinden mehr gibt?
Die Freiheit gewohnten Menschen von heute brauchen eine gute Balance von Mobilität und Stabilität, von gelebter Individualität und verbindlicher Gemeinschaft. Dabei ist Kirche unverzichtbar in einer Gesellschaft, die sich in einem rasanten Wandel befindet in der die Suche nach wertgebundener Orientierung wieder stärker nachgefragt und gebraucht wird.
Die Kirche muss also im Dorf lebendig bleiben – aber wie?
Kann man das ehrenamtliche Element weiter stärken?
Kann man Pastoralreferenten verantwortlicher in verwaisten Gemeinden einsetzen – z.B. in der Jugendarbeit, denn gerade die Jugend braucht heute eine Sinnvermittlung, die nur die Kirchen bieten können.

Hier dürfen Defizite nicht aufkommen, weil uns sonst ein wichtiges Fundament unseres christlichen Abendlandes wegbricht.
In der kirchlichen Jugendarbeit haben über Generationen hinweg Jugendliche gelernt Verantwortung zu übernehmen und soziale Kompetenz einzuüben. Das muss so bleiben.
Eine Frage auch:
Wird das christliche Brauchtum im Jahreskreis nur noch in den Pfarrzentren begangen, oder auch in den einzelnen Orten. Die Identifikation mit Glaube und Brauchtum macht es notwendig das kirchliche Feste weiter in den Dörfern bleiben. Dafür müssen wir uns einsetzen.

Was ist weiter wichtig für unsere Dörfer?

Das Dorf verliert dann seinen Charakter als Dorf, wenn sich Neubauten – die notwendig sind, um ein Dorf lebensfähig zu erhalten – wenn sich Neubauten in ihrer Baugestalt nicht in die bebaute Umgebung, in die dörfliche Struktur einfügen. Also nicht die Allerweltsarchitektur hat hier ihren Platz, sondern Bauten, die sehr wohl den heutigen Ansprüchen des Wohnens und Wirtschaftens gerecht werden , aber landschaftskonforme Gestaltungselemente aufgreifen. Damit meine ich nicht Kopien des Überlieferten, sondern eigenständige Leistungen architektonischer und handwerklicher Qualität. Es wäre wirklichkeitsfremd, würde man nicht zeitgemäß bauen, aber es muss in das Dorf passen.

Wir müssen das Bauen auch zulassen, weil die Nachgeborenen Wohnraum brauchen, wenn wir sie im Dorf halten wollen. Die bewährten Modelle: „Bauland für Einheimische“ sind auch oft die einzige Möglichkeit, wie sich Normalverdiener Eigentum schaffen können.
Der Bayernbund hat deshalb nachhaltig gegen die Diskriminierungseinwendungen der EU protestiert.

Wir brauchen nicht überall ein blumenschmuck- wettbewerbsfähiges Dorf, sondern ein lebensfähiges, gemeinschaftsbildendes, ein zukunftgerechtes Dorf mit einem aktiven Dorfleben, das sich nicht in Sauffesten erschöpfen darf. Wir kennen ja da und dort die Strohballenwerbungen vom Frühjahr bis in den Winter hinein mit den Einladungen zu allen möglichen Events. Das kann es ja nicht sein, dass wir nur noch auf der grünen Wiese und in Kiesgruben feiern und die Geselligkeit im Dorf verkommen lassen. Wer das Dorfwirtshaus auf diese Weise austrocknet, der hat es auch nicht mehr, wenn eine Hochzeit, Feste und Jubiläen gefeiert werden sollen, oder wo auch einmal ein Leichenschmaus begangen werden muss. Für all das wird eine funktionierende Gastronomie gebraucht.
Das Wirtshaus gehört zum Dorf, wie die Kirche und die Schule. Es stellt sich deshalb die Frage, wie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Vereine und die des Dorfwirtes auf einen zukunftsfähigen Nenner gebracht werden können. Gute Beispiele zeigen, dass es geht!
Reden wir miteinander – dann finden wir auch tragfähige Lösungen für die Zukunft.

Die Dorfkultur wird sich weiter verändern – aber nicht unbedingt zum Schlechten. Viele Vereine sind in den vergangenen Jahren zu Trägern einer aktiven Bürgerkultur geworden; Obst- und Gartenbauvereine nehmen Aufgaben der Landschaftsgestaltung, des Natur- und Umweltschutzes wahr. Sportvereine organisieren Angebote für die Jugend, Trachten- und Schützenvereine pflegen Tradition und Brauchtum. Soziale Netzwerke leisten viel für Familien, für Kranke und Ältere. Man ist bereit, Opfer an Freizeit zu bringen für die Gestaltung des Lebensraumes, zur Förderung des kulturellen Lebens und damit zur Steigerung der Lebensqualität des Ortes.
Noch nie hat es im dörflichen Bereich so viele Sing- und Musiziergruppen gegeben wie heutzutage, noch nie so mitgliederstarke Blaskapellen, noch nie so viele Laienspielgruppen, die sich auch an anspruchsvolle Aufführungen wagen. Überliefertes Brauchtum wird gepflegt, aber auch weiterentwickelt im Wissen, dass man Tradition als Ende eines Fadens begreifen muss, den es fortzuspinnen gilt. Viele Ehrenamtliche tun das.
Aber diese Ehrenamtlichkeit braucht finanzielle und ideelle Unterstützung durch die Kommunen, als Hilfe zur Selbsthilfe. Wer die ohnehin geringen Mittel für die Kulturpflege in den Gemeinden streicht – wie in der Vergangenheit geschehen – demotiviert diejenigen, die im ländlichen Raum Kultur als gestaltetes Leben begreifen und umsetzen.
Das wäre eine falsche Weichenstellung:
 Kultur führt zusammen,
 Kultur verbindet und
 Kultur schafft Identität.

Unsere Dörfer wären ärmer, ja geradezu fad, wenn es diese Initiativen nicht gäbe. Wir müssen sie unterstützen und fördern, wo es geht, damit die Dörfer lebendig bleiben.

Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten müssen von einer aktiven Bürgergesellschaft getragen werden, die die vielen Aufgaben und Funktionen in einem Dorf sinnvoll und wirksam vernetzt.
Das Menschenbild der Aktiven Bürgergesellschaft ist die selbständige Persönlichkeit, der freie, selbstbewusste und ebenso sozial verantwortliche Bürger.
In den Dörfern gibt es ihn noch – in den Städten immer weniger.

Wodurch zeichnet sich eine solche Bürgergesellschaft, die ein Dorf lebendig erhält aus?

Prinzip Selbständigkeit
„Was der Einzelne zumutbar selbst leisten kann, muss er auch selbst leisten“. Das gilt auch für einzelne Gruppen – man kann nicht immer gleich nach der öffentlichen Hand rufen.

Prinzip des Helfens
„Jeder hat Mitverantwortung für andere und bedarf der Solidarität anderer, durch die Gemeinschaft“. Das gilt insbesondere für nachbarliche Unterstützung im sozialen Bereich, in der Kinderbetreuung und in der Fürsorge für ältere Mitbürger.

„Vollkaskogesellschaft“ hat Nächstenliebe und Nachbarschaft durch den Staat ersetzt. Die Gesellschaft ist dadurch jedoch nicht menschlicher geworden.

Prinzip Gegenseitigkeit
„Wer etwas erhalten hat – von den Menschen oder dem Staat-, muss auch seinen möglichen Beitrag einbringen“. Nur so – im Geben und Nehmen – kann eine Bürgergesellschaft funktionieren.

Prinzip der aktiven Teilhabe
„Jeder hat Mitverantwortung für unser Gemeinwesen, für alle muss die Chance zur Mitgestaltung offen sein“. Sind wir dazu bereit, nicht nur wenn es um Probleme vor der eigenen Haustür geht. Es muss um das Dorf als Ganzes gehen.

Prinzip Nachhaltigkeit
„Jeder hat Mitverantwortung für die gemeinsame Zukunft. Dies gilt auch besonders gegenüber den nachkommenden Generationen“. Was wir heute tun, muss auch morgen noch sinnvoll sein. Im überschaubaren Dorf ist die Einsicht dafür noch da.

Wenn wir diese Prinzipien im Zusammenleben auf unsere Dörfer umsetzen, kann das auch dazu beitragen, Fehlentwicklung in unserer Gesellschaft zu korrigieren. Denn zuviel Reglementierung, zuviel Staat und zuviel Erstarrung – zu wenig Freiraum und Eigenverantwortung – sind ebenso Probleme unseres Gemeinwesens, wie auch der gesamtgesellschaftlichen und der politischen Situation.

Die aktive Bürgergesellschaft zeigt einen Weg für gesellschaftliche und damit auch für geistige, soziale und kulturelle Innovationen:

• wenn Strukturen überschaubarer bleiben,
• wenn sie auf menschliche Bedürfnisse mehr Rücksicht nehmen,
• wenn sie Eigeninitiative und Kreativität fördern,
• wenn sie Anerkennung und Respekt voreinander entwickeln,
• wenn sie eine wertgebundene Gesellschaft zum Mittelpunkt aller Veränderungen machen.

Wenn es uns gelingt, das umzusetzen wird unser Land nicht nur menschlicher, es werden auch Antriebskräfte geweckt, die vieles möglich machen, was heute noch unmöglich erscheint.
Dabei haben auch die Gemeinden – die Bürgermeister und Gemeinderäte – einen wichtigen Part:
Denn Bürgergesellschaft bedeutet:
Anerkennung und Wertschätzung des bürgerschaftlichen Engagements durch
- zulassen und fördern von Eigeninitiativen – nicht alles muss die Gemeinde machen (z. B. Bürgerbus, Nachbarschaftshilfe usw.)
- Einrichtung von Bürgerarbeitskreisen (Mitsprache und Mitwirkung bei der Entscheidungsfindung)
- finanzielle Hilfen zur Selbsthilfe sind aktivierender, besser und billiger als öffentliches Handeln
- Auszeichnung von besonderem bürgerschaftlichen Engagement (z. B. Schulweghelfer, Vereinsvorsitzende, Ehrenamtskarte).

Eine gute und erfolgreiche Zukunft wächst im Dorf weitgehend aus der eigenen Gestaltungskraft der Bürger – weit mehr als in den Städten, wo die Prinzipien der aktiven Teilhabe und des Helfens nur bedingt umsetzbar sind.

Aktive Teilhabe am öffentlichen Leben ist aber etwas was heute viele – zumal ältere - Bürger wieder suchen. Deshalb hat das Dorf Chancen, wenn es auf selbstbewusste und sozial verantwortliche Bürger setzt.
Es gilt also die gestaltende Kraft einer aktiven Bürgergesellschaft in unseren Dörfern zu wecken, zu ermöglichen und zu unterstützen. Es gilt gemeinsam Zielvorstellungen, Visionen, Leitbilder zu entwickeln und viele an der Umsetzung zu beteiligen. Dann werden die Dörfer aus sich heraus eine hohe Lebensqualität entwickeln und damit auch eine gute Zukunft haben.


Adolf Dinglreiter, MdL a.D.
Landesvorsitzender

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